don't burn your head when you turn out the light
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14.6.12 20:09


Die Sache mit der Ironie

Vor einiger Zeit erwähnte ich das Musiktheaterstück, das mein Semester im Rahmen eines Projektes entwickelt hat und auf die Bühne bringen wollte.

So geschehen ist dies nun vor einer Woche in einem kleinen Gladbacher Kleinkunsttheater. Die Resonanz und Kritiken waren wirklich großartig und nie hätte ich gedacht, dass sich aus einem heillosen Durcheinander in nur einer Woche eine solche Kraft und Form herausbilden könnte.

Aber zu einem Projekt gehört nicht nur das Ergebnis, sondern immer auch der Prozess. Und dieser lag mir und meinen Kommilitonen zwischenzeitlich extrem in den Knochen.

Ich selbst habe meinen persönlichen Tiefpunkt wohl erreicht, als ich nachts in einer Panikattacke aus dem Schlaf hochfuhr und mich fragte, was eigentlich mein Beitrag an dem Ganzen ist. Dass auch mein Körper so extrem auf den Stress reagierte, hat mir dann doch ein wenig Angst gemacht.
Aber Beruhigungstabletten und lange Gespräche mit guten Menschen haben mich dann wieder auf den Damm gebracht.
Ohne diesen Gemeinschaftssinn hätte das Projekt nie und nimmer funktioniert.

Als es dann zu den Aufführungen kam, schwebten wir alle auf einer Wolke aus Adrenalin. Nie werde ich die Minuten im Backstage vergessen, als alles wie beim Boxenstopp funktionieren musste.
Hier, schnell was zu trinken. Beiß mal in die Schokolade. Luft zufächeln. Sitzt die Schminke? Gleich gehts wieder raus. Und los.

Und dann war da die wohl schwierigste Aufführung. Das Publikum voller 12-14 jähriger Hauptschüler, schnell zu begeistern, voller Energie, aber genauso schnell auch aufzustacheln.
Und die zunächst fröhliche Stimmung kippte ins negative Extrem, als es auf der Bühne um das Thema Mobbing ging. Plötzlich stimmte der ganze Saal in den Mobgesang mit ein. Die Rhythmen, die zur Stilisierung dienen und den ironischen Spiegel vorhalten sollten, wurden auf einmal zur Waffe gegen das dargestellte Opfer. Alles klatschte und gröhlte mit. "Du scheiß Lesbe."
Eine Kommilitonin kam mit Tränen in den Augen von der Bühne. "Ich konnte meinen Text nicht sagen. Das kam mir grade so falsch vor."

Dass positive Energie sehr schnell und sehr einfach zu negativen Zwecken missbraucht werden kann, wissen wir alle seit Büchern wie "Die Welle" und theoretisch auch aus dem Geschichtsunterricht. Aber dass wir, die wir etwas ganz anderes im Sinn mit unserer Aufführung hatten, Zeuge von so etwas werden würden, hatte wohl niemand vorher erwartet.

Aber das Stück wurde nicht abgebrochen. Ich persönlich nutzte die Wut in meinem Bauch für das Spiel, was gar nicht mal so ungünstig war. Aber dennoch hatten wir am Ende extremen Redebedarf über das, was passiert war.

Inzwischen weiß ich, dass man niemandem die Schuld geben kann, den Schülern noch am wenigsten. So bescheuert es auch klingt, aber in einem gewissen Alter, in dem man schon genug mit den eigenen Hormonen zu tun hat, ist das mit der Ironie so eine Sache. Wie soll man einen vorgehaltenen Spiegel denn sehen, wenn man nicht weiß, wie das Spiegelbild aussieht. Stilisierung wird als Realität empfunden.

Man kann von sich selbst nicht auf andere schließen. Und wenn man jemanden (wenn auch ironischerweise) auffordert, etwas zu tun, muss man sich nicht wundern, wenn darauf eingegangen wird.
Auch wenn aus mir vielleicht kein Pädagoge wird, habe ich das zumindest gelernt.
23.12.11 15:31


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